Rezensionen - Film
Semiotische Aspekte der Montage
Am Beispiel von Orson Welles „Citizan Kane“
Der Film
Orson Welles' Meisterwerk wird heute von vielen Kritikern zu den besten Filmen aller Zeiten gezählt, so führt es z.B. die Rangliste der britischen Fachzeitung „sight and sound“ im Jahr 2002 an. Der Film zeichnet das Leben des fiktiven Medienmoguls und Präsidentschaftskandidaten Charles Forster Kane nach (für den es aber ein reales Vorbild gab).
Der Film beginnt mit Kanes einsamen Tod in dessen Schloss Xanadu. In Rückblenden beginnt der Film von hier aus Kanes Leben nachzuerzählen. Früh von seinen Eltern getrennt um eine gute Erziehung zu genießen, arbeitet er sich zu einem der mächtigsten, aber auch morallosesten Männern Amerikas hoch. Die Rückblenden werden eingebettet in eine Rahmenhandlung, ein Journalist, der für den Nachruf auf Charles Foster Kane recherchiert, versucht den Ursprung für Kanes letztes Wort „Rosbud“ zu finden. Während seiner Recherchearbeiten spricht er mit alten Freunden, Vertrauten von Kane, er durchstöbert Archive und interviewt Kanes Ex-Frau. Doch den Ursprung seiner letzten Worte kann er nicht finden. Dem Zuschauer jedoch wird in einer letzten Szene der Ursprung erklärt. Auf dem Kinderschlitten des kleinen Kanes, der zusammen mit anderen Gegenständen seiner Kindheit verbrannt wird, steht der Name Rosebud. Er kann somit als Symbol für die unschuldigen Kindertage gelten.
Christian Metzs Analysemethoden
In seinem Buch „Language et cinéma“ von 1971 entwirft Christian Metz, ein französischer Filmtheoretiker, neue Methoden zur Analyse von Filmen, besonders interessiert in hierbei die Montage. Neben der Montage zählt er aber auch subtilere syntagmatische Anordnungen (u.a. lange Einstellungen, Sequenz-Einstellungen, Aufnahmen mit großer Tiefenschärfe, Benutzung der Breitleinwand usw.) zu den filmischen Stilmittel, die es zu analysieren gilt. Seine Analysenmethoden sind der Semiotik verpflichtet, die sich auf Saussure und Peirce zurückführen lässt. Im Folgenden möchte ich zunächst diese semiotischen Aspekte der Montage, die eine Art Kategorisierung von Montagemustern vornimmt, versuchen darzustellen, um sie dann in einer Analyse des Films „Citizan Kane“ von Orson Welles anzuwenden.
Als autonomes Segment beschreibt Metz eine ungeschnittene Einheit in der filmischen Montage.
Eine Einstellung beschreibt eine (autonome) Handlungseinheit.
Das autonome Segment kann nach Metz in die Sequenz-Einstellung und die Inserts unterteilt werden. Die Sequenz-Einstellung ist eine Szene in einer Einstellung. Die Einheit der Handlung verleiht der Einstellung ihre Autonomie. Inserts können sowohl nicht-diegetisch (assoziativ, außerhalb der Handlung), als auch diegetisch versetzt (fremde Aufnahme als Ergänzung zur Handlung), als subjektive Einfügungen (Erinnerungen, Träume), oder als explikative Inserts eingesetzt werden (z.B. Fokussierung von Details innerhalb einer Handlung). Auch Inserts bestehen immer aus einer autonomen Einstellung.
Syntagmen bestehen aus mehreren Einstellungen, die unter sich inhaltlich gebunden sind. Syntagmen können weiter unterschieden werden. Eine erste weitere Unterscheidung macht Metz zwischen chronologischen und achronologischen Syntagmen, also danach ob das zeitliche Verhältnis, der durch die Bilder dargestellten Tatsachen unbestimmt oder bestimmt ist.
Zu den achronologischen Syntagmen zählt Metz Parallele Syntagmen: durch die Montage werden zwei oder mehrere Motive miteinander verflochten, obwohl allenfalls eine symbolische Relation zwischen den Motiven herstellbar ist. Auch zu den achronologischen Syntagmen zählt Metz das Syntagma der zusammenfassenden Klammerung: eine nicht-alternierende Serie kurzer, exemplarischer, Szenen, die ohne Zeitbezug eine Kategorie von Tatsachen (bzw. Thema / Topos, z.B. ‚moderne Liebe’) illustrieren.
Chronologische Syntagmen können deskriptiv oder narrativ sein. Während das deskriptive Syntagma mehrere Tatsachen zeigt, die in räumlicher und zeitlicher Koexistenz stehen, zeigt das narrative Syntagma vor allem konsekutive Relationen zwischen Tatsachen auf.
Lineare narrative Syntagmen sind, wenn sie in Raum und Zeit kontinuierlich sind, nach Metz Szenen, stellen sie diskontinuierliche zeitliche Verkettungen da, so nennt er sie Sequenzen. Diese Sequenzen können weiterhin hin in gewöhnliche Sequenzen, in denen die zeitliche Diskontinuität unorganisiert und unregelmäßig bleibt und in Sequenz Episoden, die die Diskontinuität durch verschiedene Stilelemente zu organisieren versuchen, unterteilt werden.
Die Analyse
Berühmt wurde Orson Welles Film vor allem durch seine dramaturgischen Aufarbeitung des Stoffes, die die bis dato geltenden Gesetze brach. Der Film beginnt beim Tod des Protagonisten und geht der Frage nach, wie es zu diesem Tod kam. Berühmt wurde der Film aber auch durch die perfekte Verwendung existierender und die Erfindung neuer filmischer Stilmittel. Gerade deswegen erscheint mir der Film auch sehr gut für eine Analyse der Montage geeignet. Beispielhaft möchte ich im folgenden einige der oben theoretisch beschriebenen Syntagmen anhand von szenischen Beispielen im Film erläutern.
Als fast schon paradigmatisch kann die Entfremdungssequenz zwischen Charles Kane und seiner ersten Frau gelten. Wie wenige andere Szenen erfüllt sie die Kriterien, die nach Metz eine Sequenz Szene ausmachen. Durch eine Einstellung getrennt, die wie ein aus einem fahrenden Auto gefilmter Tunnel aussieht, die die zeitliche Diskontinuität markiert, sehen wir im immer gleichen Schuss-Gegenschussverfahren das Ehepaar am Frühstückstisch. Doch jeden Morgen scheinen sich die zwei ein wenig mehr auseinander gelebt zu haben. Die Sequenz Szene wird durch einen Zoom-Out der Kamera beendet.
Auch eine Sequenzeinstellung wird dem Betrachter in Citizan Kane vorgeführt. Die gesamte Szene in der Kanes ehemaliges Vormund Thatcher Kane versucht davon zu überzeugen, das Zeitungsmachen aufzugeben, ist in einer Einstellung gedreht. Durch Kamerabewegungen und –schwenks bleiben die Akteure im Zentrum des Bildes. Orson Welles Vergangenheit als Theaterregisseur zeigt sich hier. Interessant ist auch, dass Orson Welles in dieser Sequenzeinstellung fast vollkommen auf die Gesichtsausdrücke von Thatcher verzichtet, da dieser immer von Kamera weggedreht mit Kanes spricht. Kanes Gesicht hingegen bleibt immer der Kamera zugewandt, seine Mimik ist so gut sichtbar. Klar zeigt der Regisseur hier, wer für die Geschichte von größerer Bedeutung ist. Ein alternierendes narratives Syntagma finden wir in der Picknick-Szene, während vor dem Zelt eine Band ein Lied spielt („this can’t be love, cause there is no truelove“), streiten sich im Zelt im Charles Kane und seine zweite Ehefrau Susan. Die simultane Relation zwischen den beiden Ereignissen wird gezeigt und gleichzeitig wird der Streit durch die Musik und den Text des Liedes dramatisiert. In der zweiten Szene des Films, einer Film-im-Film Szene, in der eine Fernsehreportage über das unglaubliche Schloss Xanadu berichtet, wird dem Zuschauer das pompöse Gebäudes und der angeschlossene Zoo in einem (nicht-alternierenden) Syntagma der zusammenfassenden Klammerung vorgeführt. In einer Serie kurzer, exemplarisch Szenen, ohne Zeitbezug, wird das Schloss und seine Herrlichkeit (das Topos) illustriert. Dieses Stilelement setzt Welles auch später immer wieder ein, um z.B. den Kampf des Inquirers gegen den Verkehrs Trust zu zeigen. Die Abrechnungsszene nach Kanes Wahlniederlage in der Jedediah Leland Charly Kane Egoismus und den Verlust von alten Werten vorwirft, zeigt wie Orson Welles mit den nach Metz subtilen syntagmatischen Anordnungen spielt. Die fast fünfminütige Szene, die aus nur drei autonomen Segmenten besteht, arbeitet mit enormer Tiefenschärfe. Während des Streitgespräches ist ständig der Raum zu sehen, in dem die nun nach der Wahlniederlage wertlose Wahldekoration von der Decke hängt. Die zeitliche aber auch konsekutive Relation des Streites zur gerade vorübergegangenen Wahl wird so verbildlicht. Eine aus einer extremen Untersicht zu den Protagonisten hochschauende Kamera, zeigt immer auch den verschmutzten Boden und lässt die sich streitenden Protagonisten wie Boxer in einem Ring aus der Zuschauerperspektive wirken.
Quellen:
Metz, Christian. 2004. Film language : a semiotics of the cinema. Chicago.
Orson Welles (Regie). Citizan Kane. USA 1941.