Artikel - Schule
Andreas Hykade
und die Szene deutscher Trickfilmregisseure
Das Feld der Animationsfilme ist weit. Am meisten bekannt sein werden wohl die Filme von Disney und Pixar. Doch wie aufregend und wie viel größer die Welt der gezeichneten, gekneteten, computergenerierten oder sonst wie kreierten Figuren ist, eröffnete sich für Hykade erst mit dem Kennenlernen der Szene unabhängiger Animateure. Es wurde ihm klar, dass die Berufung zum Animateur nicht zwangsläufig an das Grab von Walt Disney führt, um anzuklopfen und nach Arbeit zu fragen. Im Kreis der freien Animateure zeichnet sich ein vielschichtigeres Berufsbild ab.
In der Szene tauchen immer wieder die Namen Norman McLaren, Bill Plympton, Mark Baker, Adam Elliot, Chris Landreth und Michèle Cournoyer auf. Große Anerkennung zeigt Hykade auch für den tschechischen Animateur Jan Švankmajer. Seine Bewunderung bringt er mit einem Zitat von William Falkner zum Ausdruck, der gefragt wurden ist, welche drei Bücher er empfehle. Falkner antwortete: „Anna Karenina, Anna Karenina und Anna Karenina!“. Genauso antwortet Hykade auf die Frage, welche Animationsfilme er empfehlen kann, dreimal mit dem Film Tücken des Gesprächs von Jan Švankmajer aus dem Jahr 1982.
Die unglaubliche Vielfalt der Animationsfilme eröffnete sich für Hykade erst während seines Kunststudiums in Stuttgart, das er 1991 beendete, um als Animateur in London zu arbeiten. Später beginnt er an der Filmakademie in Baden-Württemberg zu unterrichtet.
Neben Werbung und kommerziellen Arbeiten gestaltet er immer wieder als freier Cineast mit seiner Stuttgarter Produktionsbude Filmbilder eigene Videoklips und Kurzfilme für Erwachsene. Bekannt davon ist vor allem der Film We Lived in Grass, mit dem er sein Animationsstudium 1996 abschloss.
Das Werk zeigt deutlich den eigenen Stil von Hykade. Mit sehr einfach gezeichneten Figuren erzählt er beindruckend komplexe Geschichten, die durch knappe, direkte Handlungen großen Witz bekommen.
In We Lived in Grass geht es darum, wie man als heranwachsender Junge die Frau mit dem größten Busen erobert und sich in sonstige gesellschaftliche Pflichten fügt. Jeder Mann ist ein Soldat im Land des Grases. Jeder Soldat tötet einen Tiger, für die besten Brüste, die er finden kann, heißt es in dem Film. Doch der kleine Protagonist lehnt sich gegen die gesellschaftliche Tradition auf. Er glaubt an die Liebe ohne großen Busen. Er liebt das Pusteblumen-Mädchen. Doch am Ende scheitert er und erkennt „all women is Whore“.
Poetisch fragt Hykade immer wieder nach dem Wert gesellschaftlicher Traditionen, ohne in seinen Filmen eine Antwort zu geben. In dem Film The Runt, der 2007 den FIPRESCI-Preis in Annecy gewann, erzählt er von einem Bauernjungen, der lernen muss, sich in das bäuerliche Leben und deren Traditionen einzufügen. The Runt ist in Stil und Inhalt dem legänderen Film The Hill Farm von Mark Baker sehr nahe, der auf einfachste Weise und enorm humorvoll das alltägliche Leben auf einem Bauernhof zeichnet. Hykade sieht in Baker eine Art großen Bruder. Er fühlt sich ihm besonders verbunden, obwohl Baker wahrscheinlich der einzige bedeutende, lebende Independent Animator ist, dem Hykade noch nicht begegnet ist.
Der Hintergrund von The Runt ist Hykades eigene Kindheit, die er in der Kleinstadt Altötting in Oberbayern verbrachte. Nicht nur die ländliche Umgebung hat ihn beeinflusst. Der Ort Altötting ist Zentrum des Marienkults, da die Heilige Mutter Gottes angeblich dort monatlich Wunder tut. Der Brauch schreibt dem mit einem Wunder gesegneten vor, als Dank ein Bild an die Außenwand der Kirche in Altötting zu malen. Motiviert von diesen Bildern, die viele Menschen mit einem Glauben und einer Erfahrung auf der ganzen Welt verbinden, malt auch Hykaden. Sein Ziel ist es, mit Hilfe seiner animierten Bilder Gemeinschaft zu schaffen.
So unterstützt er, abgesehen von seiner lehrenden Tätigkeit, seine Schüler beim späteren Berufseinsteig. Er verschafft ihnen die Möglichkeit ihre Arbeiten internationalem Publikum zu präsentieren und nutzt sein Netzwerk zu ihrem Vorteil.
Interessante und tief gehende Themen - Geschichten, in denen Hykade durch minimale Formen den Alltäglichkeiten das Absurde und den Humor entlockt - scheinen seine Schützlinge allerdings weniger zu behandeln. Filme wie Lebensader von Angela Steffen oder You are my Hero von Tobias Bilgeri bieten kreative Ideen in der gestalterischen Umsetzung, deren Thema allerdings fehlt es an Ambivalenz und Tiefgang. Sie entwickeln ihre Bedeutung aus der dramaturgischen Finesse, die in Mobile von Verena Fels beachtet werden muss. Doch entwickeln diese Filme keine Brisanz über die Minuten des Filmerlebens hinaus.
Deshalb möchte ich abschließend den Film Ring of Fire von Hykade aus dem Jahr 2000 empfehlen. Ein skurriler Western, in dem zwei Cowboys in einem SM-Club um die „wahre“ Schönheit kämpfen. Der Film ist ein unbedingtes Muss auch für denjenigen, der nicht auf Western steht.