Artikel - Interview


Open Source-Film aus Leipzig

Lass Dich bloß nicht auf die Spielregeln der alten Männer ein

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(cc) Marie Galinsky

gepostet am: 22.10.2010
gepostet von: Friedemann Ebelt
Rubrik Interview

Friedemann Ebelt sprach via E-Mail mit Stefan Kluge, dem Gründer von Deutschlands erstem Open Source Film Netlabel 'VEB Leipzig' über dessen Filmschaffen und das Potenzial einer freien Film-Digitalkultur im Netz. Stefan Kluge und Sounddesigner Thomas Bechholds arbeiten zur Zeit an dem 80 Minuten Science-Fiction-Film 'Die Letzte Droge', dessen Video- und Tonmaterial, unter einer CC-Lizenz - es lebe die Kreativität - veröffentlicht wird.

Deine Filme sind nicht nur außergewöhnlich finanziert (dazu unten mehr). Sie haben auch eine eigene Handschrift in Bild und Ton. Wie bist du auf deinen markanten Gonzo-Filmstil gekommen? Was verbindest du damit?

 Es fing mit diesem monströsen Oldtimer an. Ich wollte ein paar Monate durch die USA fahren und hatte mir in Kalifornien ein uraltes Cabrio besorgt. Im Death Valley hielt mich ein Biker an und sagte ich würde aussehen, wie aus Hunter Thompsons "Fear and Loathing in Las Vegas". Das war das erste Mal, dass ich von Thompson hörte, dem Vater des Gonzo-Journalismus. Zwei Freunde aus Deutschland stießen später dazu und wir filmten 6000 Kilometer lang mit Amateur-Equipment, wie das Auto vor die Hunde ging. Unpoliert, subjektiv, ehrlich und wir als “Reporter” immer im Zentrum der Story - das sind wesentliche Gonzo-Stilelemente. Gonzo ist immer auch rough und authentisch. Wie geschaffen für Low Budget-Filme, obwohl der Stil inzwischen auch immer öfter mit viel Geld imitiert wird - zuletzt übrigens sehr konsequent in “Cloverfield” und “District 9”. Für den markanten Sound in unserem Debütfilm war Thomas Bechholds zuständig. Der Mann schwört auf analoge Synthesizer und kauft sich für ein einzelnes Sample auch schon mal einen 1970er Minimoog. Demnächst wird er beginnen "Die Letzte Droge" zu vertonen - das ist erstklassiges Terrain für seinen elektronisch-psychedelischen Musikstil - wir sind extrem gespannt!

'Der Geist der Biker', dein Film aus diesem Jahr, hat die Motorrad-Szene begeistert, ich denke da gab es viel motivierendes Feedback. Du selber hast auch was übrig für gepflegte motorisierte Fortbewegung.

Es war wieder höchste Zeit für eine absurde Tour. Diesmal bin ich auf der Supermoto meiner Frau nach Russland gefahren - mit dem herrlichen Motorradclub "Metern". In einer Provinzhauptstadt an der Wolga wollten wir unsere Maschinen von einem Priester segnen lassen. Wobei russisch-orthodoxe Priester eben vor allem offenbar auch Russen sind. Die Jungs haben uns erst mal mit Klosterwein abgefüllt, um dann mit 180 durch die Stadt zu rocken. In mindestens einer Hand hatte ich natürlich immer eine Kamera - man kann ja auch ohne Kupplung schalten, ein paar tausend Kilometer lang. Aus dem Footage habe ich eine Art Reisedoku-Parodie gemacht - sehr gonzo und scheinbar trotzdem massenpublikumtauglich.

Ist das Filmemachen für dich Hobby oder schon Beruf(ung)?

Ich hoffe, dass ich mich noch lange vom Fernseh-Zirkus fernhalten kann. Alle paar Jahre sehe ich mal bei Freunden einen TV-Sender laufen, und es ist seit mindestens fünfzehn Jahren immer gleich: exakt die selben dressierten Affen, die immer noch den selben Mist vorführen, wie damals. Angeblich wollen das die Leute sehen. Lächerlich - ich kenne kaum noch jemand unter 30, der einen Fernseher hat. Die meisten Kreativen in meinem Freundeskreis haben ihre Jobs in der Branche gekündigt und machen inzwischen ihr eigenes Ding. So halte ich es auch: ich wende ca. 30% meiner Zeit auf, um Geld aufzutreiben; den Großteil verbringe ich dann als Autorenfilmer, d.h. ich mache Filme nach eigenen Skripten ohne Rücksicht auf das Format oder die Sendefähigkeit des Inhalts.

Eure Projekte sind beeindruckend dimensioniert, ihr habt aufwendige Dreharbeiten, beachtlichen Sound und stattliche Budgets. Denkst du, dass CC-Distribution auch interessant sein kann für kleinere Projekte, wie Musikvideos, Experimentalfilme oder Kurzfilme? Oder anders gefragt: was sind deiner Erfahrung nach die Bedingungen für erfolgreiches Crowdfunding?

Für Crowdfunding brauchst Du eine Community, der etwas an Deinem Film liegt. Das ist meist eine Art Dienstleistung: da geht es um ein Thema oder die Community selbst. Das funktioniert auch, wenn Du keinen Namen als Filmemacher hast, aber Dir sollte besser etwas an dem Thema liegen, denn das brauchst Du, um glaubwürdig zu sein und um das Projekt durchzuhalten. Schwieriger wird es, wenn es um einen Spielfilm geht oder einen Autorenfilm. Alle VEB FILM Leipzig-Produktionen haben wir privat vorfinanziert, per Crowdfunding wäre das damals nicht möglich gewesen. Den meisten Netzprojekten kann man nur raten, möglichst radikal zu sein: Stories erzählen, vor denen das Fernsehen den Schwanz einzieht; (CC) Lizenzen verwenden, die sich der Mainstream nicht leisten kann; Formate testen, an die sich offline keiner herantraut. Lass Dich bloß nicht auf die Spielregeln der alten Männer ein.

Es gibt im Internet eine Reihe von Crowdfunding-Plattformen. Warum habt ihr euch dafür entschieden, die Finanzierung und den Vertrieb selbstständig zu organisieren?

Crowdfunding wird in Deutschland gerade erst bekannt - die erste Plattform ist vor ein paar Tagen online gegangen: StartNext - sehr vielversprechend! Wir werden das mit unserem nächsten Release testen.

Wie bist du auf die Idee gekommen, den Open-Source Gedanken auf die Distribution von Filmen anzuwenden?

Ich bin Anfang der 90er mit Homecomputer unterm Arm und Fernseher auf der Schulter zu Copy- und Demo-Partys gefahren, wo sich ein paar mal im Jahr in riesigen Messehallen irgendwo in Europa ein paar hundert "Szener" zum programmieren, komponieren, Grafiken pixeln und kopieren getroffen haben. Es ging schon damals darum, einfach das Maximum abzuliefern und dann gut zu verbreiten. Durch Internet Archive bin ich 2004 dann das erste Mal auf Creative Commons gestoßen, und es ergab sofort Sinn.

Welche Rolle spielt bei der Arbeit an Open-Source Filmen die Community im Vergleich zum 'konventionellen' Film?

Unser Spielfilm "Die letzte Droge" zum Beispiel, wäre ohne den Einfluss von Außen möglicherweise nie als Film fertig geworden. Wir hatten uns derb im Projekt verrannt. Mein Drehbuch war einfach nicht gut genug - die Folge waren Nachdrehs, Korrekturen, Testvorführungen, neue Korrekturen, usw. Inzwischen hatte ich 5 Jahre mehr Erfahrung als Filmemacher - viele Szenen genügten meinem Anspruch nicht mehr. Da aber das Projekt immer offen zum “Andocken” war, d.h. jederzeit Fremde hinzustoßen konnten, kam es dazu, dass ein Hamburger Komponist mich quasi mit einer alten Version des Films vor sich hertrieb: “Wenn Du diese Version nicht abschließt und veröffentlichst, dann mache ich es.” Inzwischen arbeite ich an einer komplett neuen Version des Films - und bin zum ersten mal seit Langem sehr zuversichtlich. Kudos an dieser Stelle an Michael Georgi, dem Hamburger Komponisten. Wir werden “Die Letzte Droge” letztendlich in zwei verschiedenen Versionen veröffentlichen, die weitestgehend auf dem selben Footage basieren. Ein super Experiment in Sachen Open Source-Filmemachen. Das Rohmaterial und die Projektdateien wird es wieder zum freien Download geben. Seit gestern sind übrigens die Einzeltonspuren zu “Der Geist der Biker” online (der Link dazu befindet sich am Ende des Textes), und es entsteht gerade eine Community-Übersetzung ins Esperanto.

Auf eurer Seite ist zu lesen: „Wir werden teilen, kreieren und verändern, und wir werden dieses großartige Potential eines freien Internets weder von kurzsichtigen Gesetzgebern ersticken lassen, noch von rückwärts gewandten Unterhaltungskonzernen.“ Wahnsinnig spannendes Thema. Ist schon ein CC-Film zu dem Thema in Planung?

Ich habe seit zwei Jahren ein Science Fiction-Drehbuch in Arbeit, das in einer staatenlosen Gesellschaft spielt - einer anarchokapitalistischen Utopie (nicht Dystopie!). Da werden auch Konzepte wie geistiges Eigentum eine Rolle spielen. Sobald “Die Letzte Droge” abgeschlossen ist, geht es damit los - es brennt mir unter den Nägeln, die Message muss raus. So wie es momentan aussieht in Form einer Web-Serie in Stereoscopic 3D Machinima, d.h. die Serie wird in einer Videogame-Engine entwickelt und kann auch mit 3D Brille geschaut werden.

Warum als Serie?

Kürzerer episodischer Content ist leichter zu finanzieren: ich bekomme öfter Angebote für kleinere Sponsoring-Summen, die mir für einen Film nicht viel nützen, aber eine neue Episode möglich machen würden. Außerdem liegen die Veröffentlichungen dann nicht so weit auseinander, und wir können das Feedback noch während der Serie berücksichtigen.

Überlegst du, die Community zukünftig auch an Entscheidungsprozessen wie Themenwahl, Drehbuch und Optik zu beteiligen?

Bei “Die Letzte Droge” habe ich ständig nach Kompromissen im Kernteam gesucht. Das hat nicht funktioniert. Die Community zum Regisseur zu machen, dürfte in den meisten Fällen schief gehen. Aber man könnte z.B. abstimmen, welcher Handlungsstrang in der nächsten Episode weitererzählt werden soll. Oder welches Thema man mal aufgreifen müsste.

Aus einem Interview habe ich folgenden Satz von dir: „Abgesehen von Blockbustern werden die Perlen in Zukunft wohl zuerst im Netz auftauchen.“ Werden wir bald den ersten Open Source-Blockbuster aus dem Hause VEB bewundern können? Wo wird es hingehen?

Sobald die Droge fertig ist, werde ich mich der Science Fiction-Serie widmen - die wird Low Budget & High Tech, wie damals in der Demoszene. Das ist für mich auch ein bisschen “zurück zu den Wurzeln”, aber diesmal mit einer brachialen Botschaft.

Besten Dank für das spannende Gespräch!

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