Rezensionen - Film
Black Swan
Ein Kunstwerk voll dunkler Abgründe
Der Film, der sich sowohl inhaltlich als auch visuell am Leitmotiv des Märchens „Schwanensee“ orientiert, erzählt die Geschichte der jungen Nina (Portman), die mit Verbissenheit und Hang zur Perfektion an ihrer Karriere als Balletttänzerin arbeitet. Abseits der Bühne, auf der sie alles unter Kontrolle haben will, ist sie jedoch ein zerbrechlicher, schwacher Mensch, der sich den Anfeindungen der Kolleginnen hilflos ausgesetzt und von der überfürsorglichen Mutter verhätschelt sieht. Als der exzentrische Theaterdirektor Thomas (Vincent Cassel in seiner besten Rolle seit „Hass“) sie für die Hauptrolle seiner neuen Inszenierung von „Schwanensee“ engagiert, gerät Ninas Leben langsam aus den Fugen. Thomas verlangt von ihr, dass sie auch ihre dunkle Seite auslebt, um ihrer Doppelrolle als weißer und schwarzer Schwan gewachsen zu sein. Stück für Stück lässt Nina sich gehen – tief hinein in einen Albtraum aus Wahnsinn, Paranoia und Perfektionsstreben.
Die innere Struktur der Handlung zeugt von einer künstlerischen Intelligenz, wie es sie nur noch allzu selten in Kino-Großproduktionen zu finden gibt: Nach der Ouvertüre, die einen flüchtigen Vorgeschmack auf das bombastische Finale gibt, wird es still, sehr still. Nina wird in ihrer Alltagssituation vorgestellt, aber auch gleich ihrer größten Konkurrentin Lily entgegengesetzt, die schon von der allerersten Szene an, in der sie auftritt, als Symbol von Ninas dunkler Seite erscheint. Die Figur der Lily ist es auch, die vorrangig dazu führt, dass Ninas Leben entgleist – mit leisen Bemerkungen, einer unbeschwerten Lebensart, spielt Lily die perfekte Verführerin. Der Zwist zwischen künstlerischer Verbohrtheit auf der Suche nach Perfektion und der Fähigkeit, das Leben auch abseits der Bühne genießen zu können, wird hier zu einem extrem wichtigen, vielleicht dem bestimmenden Handlungsmotiv.
Der eigentliche Kunstgriff des Films liegt jedoch in der unglaublich subtilen Art und Weise der Steigerung. Von jenem leisen Anfang aus entwickelt sich die Handlung stückweise hin zu einem furiosen Feuerwerk aus donnernder Musik, herumwirbelnder Kamera und explodierender Tanzenergie. Der Teufel steckt hier im wahrsten Sinne im Detail: Wenn Nina das Licht im Malzimmer ihrer Mutter anknipst und die Kamera über die gezeichneten Bilder gleitet, sieht man nur für Sekundenbruchteile einen sich bewegenden Mund auf einem der Porträts. Auch der geniale Soundtrack trägt zu dieser extrem eleganten Art der Steigerung bei: Man muss genau hinhören, um in einigen scheinbar ungefährlichen Szenen die leise, bedrohliche Spannungsmusik zu erlauschen. Auch immer wieder eingestreute kurze Geräusche, die wie entferntes, geisterhaftes Stöhnen klingen, erzeugen eine kaum greifbare Atmosphäre der intensiver werdenden Bedrohung.
Neben der Tonspur begeistert auch die Bilddramaturgie: Die symbolbehafteten Farben Weiß und Schwarz beherrschen so gut wie jede Einstellung – neben ihnen verblassen die kleinmädchenhaften Rosa-Töne in Ninas Zimmer zu einer flüchtigen Erinnerung. Dieser kalte Kontrast wird erst zum Finale durch den Einsatz dunklen Rots durchbrochen, wenn Nina hinter der Bühne auf ihren großen Auftritt wartet, sich von jedem verfolgt und bedroht glaubt und doch alles tut, um ihren Traum wahr werden zu lassen.
In dem Maße, in dem sich für Nina die Grenzen zwischen Wahnvorstellung und Realität auflösen, wird auch die Fähigkeit des Zuschauers zu einer objektiven Einschätzung der Ereignisse unterlaufen. Hat Nina Recht? Will ihr Lily wirklich die Rolle stehlen und sind die netten, scheinbar aufmunternden Worte, die sie ihr wiederholt zukommen lässt, tatsächlich auf diese hinterhältige Weise zu interpretieren? Grenzt die Aufopferung ihrer Mutter für Ninas Wohl wirklich an Unterdrückung? Auf den ersten Blick scheint die Antwort klar, doch tatsächlich liefert der Film keine eindeutigen Antworten. Diese Fähigkeit, den Zuschauer so tief in die Erlebniswelt der Hauptprotagonistin hineinzuziehen, dass ihm selbst keine Orientierung mehr möglich ist, geht den meisten modernen Filmen abhanden.
Nicht nur aus diesem Grunde sollte man sich „Black Swan“ unbedingt nicht nur einmal, sondern gleich mehrmals ansehen. Die Brillanz steckt im Detail und vieles mag beim ersten Sehen an einem vorüberziehen. Die geniale Inszenierung mit ihrer beeindruckenden, rauschhaften Farbgebung und Kameraführung, und die durchweg intensive und detailreiche Schauspielerriege erheben „Black Swan“ zu einem atemberaubenden Meisterwerk über die Subjektivität der Wahrnehmung und die körperlichen und geistigen Grenzen der Kunst.