Rezensionen - Film
Die Haut, in der ich wohne
Frankenstein á la Almodóvar
Banderas, der lange Zeit eher durch Hollywood-Rollen von sich reden machte, die nicht unbedingt die anspruchsvollsten waren, zeigt in dieser Neuinterpretation des Frankenstein-Motivs nach einem Roman von Thierry Jonquet endlich einmal wieder, zu welchen Leistungen er fähig sein kann. Stilvoller, aber keinesfalls gesitteter als in „Das Gesetz der Begierde“ spielt er den Transplantations-Spezialisten Roberto, der auf der Suche nach der perfekten Frau die ethischen Grenzen der Medizin weit hinter sich lässt. Wie er den wahnsinnigen Mediziner verkörpert, der nur in Extremsituationen sein wahres, scheußliches Gesicht zeigt, sonst aber eine Maske aus Eleganz und Erhabenheit aufsetzt, ist wirklich eine darstellerische Leistung, die ihn zur unangefochten zentralen Figur des Films macht.
Doch nicht nur die Schauspiel-Leistungen überzeugen hier. Almodóvar hat es geschafft, einen weitaus graziöseren Stil zu erreichen als in vielen seiner früheren Werke, zugleich aber einem seiner stets zentralen Themen treu zu bleiben: der Leidenschaft, den Trieben, die unter der nur dünnen Oberfläche der Zivilisiertheit brodeln und nur darauf warten, hervorzubrechen. So spielt die Sexualität seiner Figuren eine große Rolle und nur wenige Filmemacher der heutigen Zeit vermögen es, dieses Thema mit so großer Eleganz und völlig ohne Voyeurismus in Szene zu setzen. Die fließend wirkende Kamera zelebriert in vielen Nah- und Großaufnahmen die nackte Haut der Agierenden, ohne jemals schlüpfrig oder überflüssig detailreich zu werden. So entsteht nicht nur eine große Nähe des Zuschauers zu den Figuren, sondern auch eine fiebrige Atmosphäre der Sinnlichkeit.
Überhaupt ist „Die Haut, in der ich wohne“ ein überaus sinnlicher oder, um genauer zu sein, visueller Film: Da werden nicht nur Figuren oft über ihre Kleidung charakterisiert – Robertos Bruder trägt ein Tigerkostüm und verhält sich dementsprechend wie ein wildes Tier, als er versucht, die Patientin Vera zu vergewaltigen; Robertos Tochter, die reine Unschuld und Naivität, läuft in lila- und rosafarbenen Kleidern herum – sondern da wird auch mit räumlichen Formen und Inhalten gespielt. Selbst die im Hintergrund hängenden Bilder in Robertos Wohnung spielen auf die Themenstellung des Films an.
Und dieses Thema, orientiert es sich auch, wie bereits erwähnt, am bewährten Frankenstein-Motiv, dürfte in seinen Detaillösungen für die eine oder andere handfeste Überraschung sorgen. Speziell wenn man die Romanvorlage nicht kennt, wird man von der zentralen Wendung der Geschichte mit voller Wucht getroffen. Auch hier zeigt sich Almodóvars Erzähltalent: Wenn etwa nach einem Drittel des Films eine lange Rückblende einsetzt, mag man sich zunächst fragen, inwiefern diese wirklich vonnöten sein mag. Doch je mehr kleine Details aus der Vergangenheit Robertos hier aufgedeckt werden, desto mehr begreift man, wie selbst die scheinbar unwichtigsten Erzählstränge mit der Geschichte zusammenhängen und wie elegant die verschiedenen Figuren und ihre Schicksale hier miteinander verwebt werden. In seinen besten Momenten erreicht der Film dadurch die Intensität einer klassischen Tragödie.
Ein intensives, oft berauschendes Fest für die Sinne ist „Die Haut, in der ich wohne“, geworden, ein durchweg spannender, in vielen Einstellungen mit originellen visuellen Details beeindruckender Film über Sehnsucht und Triebe, über emotionalen Schmerz und die Unmöglichkeit, diesen in Übereinstimmung mit moralischen Bestimmungen zu bringen. Almodóvar zeigt so spektakulär wie seit langem nicht mehr, zu welchen filmischen Kunstwerken er fähig ist, und Banderas spielt sich als Psychopath mit Selbstbeherrschung die Seele aus dem Leib. Von einer solch fruchtbaren Zusammenarbeit kann man sich nur mehr wünschen.