Rezensionen - Film


Eine ganze Person

Aronofskys Geschichte vom Schwanensee

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© Twentieth Century Fox Film Company

gepostet am: 05.02.2011
gepostet von: Raimar Oestreich
Rubrik Film

Odette und Odile zwei Seiten einer Person? Im Schwanensee, eines der bekanntesten Ballettstücke, wird die Schwanenprinzessin und ihre böse Doppelgängerin von ein und der selben Primaballerina getanzt. Der Tanz des weißen Schwans und des schwarzen Ebenbildes ist eine der anstrengendsten und anspruchsvollsten Rollen des klassischen Balletts. Neben der technischen Anforderung stellt das Ballett auch hohe Ansprüche an die schauspielerische Fähigkeit der Darstellerin.

Das ist ein Thema für Darren Aronofsky. Schon in seinem vorangegangen Film „The Wrestler“ zeigt er einen Menschen, der, um seine Kunst zu perfektionieren, seinen Körper und letztendlich sich selbst zerstört.

In Aronofskys aktuellem Film „Black Swan“ macht die ehrgeizige Balletttänzerin Nina, beindruckend gespielt von Natalie Portman, ohne Rücksicht auf ihren Körper und auf ihr soziales Leben das Tanzen zu ihrem alleinigen Lebensinhalt. Als der Regisseur Thomas Leroy an Ninas Ensemble plant das Stück Schwanensee neu aufzuführen, will Nina nur eins: die Rolle der Schwanenprinzessin. Der Regisseur, gespielt von Vincent Cassel, ist nicht gänzlich überzeugt von der Besetzung. Nina ist eine perfekte Tänzerin. Das prädestiniert sie für die Rolle des weißen Schwans und gleichzeitig hindert es sie, den schwarzen Schwan zu tanzen. Ihr Hang zur Perfektion und Kontrolle hemmt sie den lasziven und erotischen Tanz des schwarzen Schwans, der Odile zu spielen. Sie stellt das verführerische Gegenstück zur tugendhaften Odette dar. Um die dunkle Rolle authentisch darzustellen, muss Nina selbst das Negative und Unzüchtige in sich finden.

Frigide mit keinerlei sexuellen Erfahrungen und einem Zimmer voll rosafarbenen Kuscheltieren lebt Nina zurückgezogen bei ihrer Mutter. Diese selbst mal Ballerina, hat ihre Karriere für die Tochter aufgegeben. Nun kontrolliert sie Nina, um durch sie ihren eigenen Traum von Ruhm und Karriere zu verwirklichen.

Den schwarzen Schwan impulsiv und zügellos zu tanzen, bedeutet für Nina, die Rolle des anständigen, braven Mädchen aufzugeben, sich von der Mutter zu emanzipieren, um damit zu einer eigenen Persönlichkeit zu finden.

Anleitung dazu findet sie durch ihren Mentor Thomas und durch Lily, einer Tänzerin des Ensembles, die ganz anders als Nina, sehr ausgelassen ist. Lily kitzelt durch ihre offensive Art und mittels Drogen Ninas schwarze Seite heraus. Zum ersten Mal lehnt sich Nina gegen ihre Mutter auf und verliert in heftiger Leidenschaft zu Lily ihre Jungfräulichkeit.

In den Proben kann Nina allerdings trotz ihrer Fortschritte den Ansprüchen Thomas nicht entsprechen. Sie schafft es nicht, das Dämonische des schwarzen Schwans darzustellen. So kommt es während der Premierenaufführung zum Höhepunkt, denn Thomas besetzt Lily als Ersatz für Ninas Rolle der Schwanenprinzessin. Nina vom Ehrgeiz und Neid überwältigt tötet Lily in ihrer Garderobe und gelangt so zur Perfektion ihrer negativen Seite. Nicht nur innerlich auch äußerlich mittels einer fantastischen Maske verwandelt sie sich zum schwarzen Schwan. Auf der Bühne packte sie in ihrer dämonischen Rolle die Anwesenden. Sie tanzt den Part der Odile so aufregend, dass das Publikum in taumelnde Ovationen verfällt.

Damit befinden wir uns im Genre des klassischen Thrillers. Doch Aronofsky hat bereits früher gezeigt, dass er nicht so leicht in eine Genre-Schublade zu schieben ist. Er entführt das Publikum mit einer ganz eigenen Form in die Welt der Protagonisten. Schon in seinem Debütfilm „Pi“ zieht er das Publikum in die subjektive Weltsicht des paranoiden Maximillian Cohen. In dieser Welt gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Realität und Fiktion. Protagonist wie auch Publikum verlieren die Fähigkeit zwischen Fantasie und Wirklichkeit zu unterscheiden. Genauso die Primaballerina Nina in „Black Swan“, die durch die Schizophrenie ihrer Rolle selbst in zwei unterschiedliche Welten verstrickt wird.

In dem Film „Pi“ ermöglicht Aronofsky seinem Helden den Ausstieg aus der fanatischen Suche nach Perfektion. Maximillian gibt seine Forschung nach den letzten Ziffern der Zahl Pi auf und beginnt zu leben. Er erkennt, dass Perfektion Tod bedeutet, und entscheidet sich für das Leben, für das Alltägliche, wie beispielsweise das Spiel des Lichts durch die Blätter eines Baumes zu beobachten oder sich mit einem Kind zu unterhalten.

Ein ganz anderes Schicksal hat Aronofsky der Heldin in „Black Swan“ zugedacht. Sie erreicht die Perfektion, indem sie beide Figuren, den guten und den bösen Schwan in ihrer Person vereint. Bemüht man Freuds Psychoanalyse, so findet Nina zu einem stabilen Ich, indem sie die Mitte zwischen Es, dem schwarzen Schwan, und Über-Ich, dem weißen Schwan, erreicht. Sie wächst zu einem reifen Individuum, zu einer ganzen Person, wie es Nietzsche in seinem Buch „Menschliches, Allzumenschliches“ nennt, weil sie „mitleidige Regungen und Handlungen zu Gunsten Anderer“, wie beispielsweise ihrer Mutter, aufgibt, um den ganz eigenen Vorteil und darin auch den Vorteil der Anderen wie des Publikums zu entdecken. Das lässt ein positives Ende erwarten. Die Psyche der Heldin ist geheilt, doch ihr Körper wurde dadurch zerstört, sie muss sterben. Nicht tragisch wie im Ballett, sondern als Konsequenz aus der Zusammenführung des Gegensatzes in ihrer Person.

Mit Schwanensee schafft Daran Aronofsky ein atemberaubendes Meisterwerk, das die Ästhetik und Grazie des Balletts zu einem „fantastischen Thriller“ beschleunigt.

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