Rezensionen - Film
Exit Through The Gift Shop
Kunst, Kommerz und eine ratlose Gegenkultur
Der französische US-Amerikaner beginnt wie besessen die öffentlichkeitsscheue Elite der Streetart-Szene um Banksy, Shepard Fairey und Space Invader, bei ihrer nächtlichen Arbeit mit der Kamera zu filmen. Unzufrieden über den Dokumentarfilm, den Thierry aus dem exklusiven Material montiert, empfiehlt Banksy seinem videophilen Bewunderer, besser Streetartist, statt Filmemacher zu werden. Thierry nennt sich von nun an Mr. Brainwash. Seine ambitionierten Ausstellungen ziehen ein Massenpublikum an. Dabei ist Thierry kaum die Quelle für seinen eigenen Erfolg, denn er ist weder ein Organisationstalent, noch besitzt er erkennbares Kunstgeschick. Er ist nicht Herr seiner Künste, versteht es aber sich zu inszenieren. Schnell entwickelt er sich zur Protokarikatur eines $treetartisten: unbegabt, angesagt und kommerziell erfolgreich. Diese Karriere ist das faszinierende Rätsel, das Exit seinen ZuschauerInnen aufgibt.
Erzählt Exit tatsächlich die authentische Geschichte von Thierry Guetta, der seinen Meister erst anbetete, um ihn dann schamlos zu kopieren? Oder ist es Banksy wiederholt gelungen, ein Kunstwerk in die Gesellschaft zu schleusen? Exit entlarvt das Gesellschaftsspiel der Kunstavantgarde als unterhaltsame Kuriosität. Gleichzeitig darf angeregt spekuliert werden, ob Thierry das erste lebendige Kunstwerk von Banksy ist. Das ist notwendiger Vandalismus am Dokumentarfilmethos. In dem sich der Film als Dokumentarfilm verkleidet, nimmt er sich die Narrenfreiheit heraus, keine dieser Fragen zu beantworten, und ist so Teil des Kults, den er vorführen will. Diese Ungewissheit macht den Reiz des Films aus. Schließlich sehen Bilder von Original und Fälschung auf einer Kinoleinwand gleich aus.
Exit Through The Gift Shop? Warum will Banksy durch den Notausgang flüchten? Er muss flüchten, weil er ein illegales Kunstwerk platziert hat und seine Anwesenheit das Werk gefährdet. Es geht nicht um die Frage, ob Thierry ein Schauspieler ist, sondern um die Reaktion der Gesellschaft auf seine Erfolgsgeschichte. Banksy lässt Streetart durch Thierry am Kopiergerät symbolisch ermorden und in Kunst-Supermärkten beerdigen. Der Clou ist, dass mit der industriellen Kunstreproduktion scheinbar nicht der erwartete Werteverfall eintritt. Statt dessen bekommt Mr. Brainwash die Reputation, die ihm zusteht.
Wenn die Thierry-Geschichte wahr ist, dann ist der Film ein Streich, wenn nicht - dann auch. Damit demonstriert Banksy den Wert seiner eigenen Kunst, wenn auch etwas resigniert. Wer Exit als Kritik an kommerzieller Kunst sieht, erkennt auch, dass Banksy seine eigene Gegenkultur verfilmt hat, um sie an den Kinokassen zu verkaufen. Exit ist ein Witz über die Kunstindustrie, doch genau genommen kein witziger. Wenn die Flucht von Mr. Brainwash durch den Geschenkartikelladen ein Experiment ist, dann ist das erstaunliche Ergebnis, dass es so gut funktioniert. Obwohl es um den Aufstieg von Thierry Guetta geht, hält Exit den entscheidenden Spannungsbogen aufrecht: den Banksy-Mythos.