Rezensionen - DVD


Gegenschuss - Aufbruch der Filmemacher

Der Neue Deutsche Film und der Filmverlag der Autoren

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© 2010 Kinowelt Home Entertainment

gepostet am: 20.10.2010
gepostet von: Raimar Oestreich
Rubrik DVD

Am 2. Dezember bringt die Kinowelt ein wichtiges Stück deutscher Filmgeschichte auf DVD heraus. In Dominik Wesselys Dokumentarfilm sprechen Rainer Werner Fassbinder, Thomas Schamoni, Wim Wenders, Laurens Straub, Hark Bohm, u.a. über den „Neuen Deutschen Film“ und über den Bruch mit „Papas Kino“ im Filmverlag der Autoren.

Die deutsche Filmgeschichte der 60er und 70er Jahre erzählt von Enthusiasten und mutigen Filmemachern, die nur eine Liebe kannten: Die Liebe zum Film. Laurens Straub, einer der Mitglieder des Filmverlags der Autoren, drückt es mit einem Zitat so aus: „Das Kino ist das Größte, selbst wenn wir irgendwann begreifen müssen, dass es vielleicht nicht so war.“ Jedes der Mitglieder des Filmverlags lebte in der festen Vorstellung, dass einen Film zu machen, das aller wichtigste auf der Welt ist. Die intensive Auseinandersetzung mit Film führte zu einer ganz neuen Erzählstruktur und Bildästhetik im Neuen Deutschen Film.

Papas Kino ist tot!“ behaupteten 26 Filmemacher während der Filmtage in Oberhausen 1962. Sie wollten ein neues Kino, unabhängig von den alten Produzenten und dem Druck des kommerziellen Erfolges. Dabei schielten sie auf den französischen Film der 60er und verstanden sich selbst als Autorenfilmer. Das Oberhausener Manifest kündigte die Wende des deutschen Films an, die weniger als zehn Jahre später auf den Leinwänden internationaler Filmfestivals sichtbar wurde.

Doch zuvor mussten sich die neuen Filmemacher von den alten Produzenten des deutschen Nachkriegskinos, die als einzige über ausreichende finanzielle Mittel verfügten, befreien. Junge Filmemacher hatten die Not, nicht einmal das Filmmaterial bezahlen zu können. Meist reichte es nur für einen Kurzfilm, der in Oberhausen oder Mannheim gezeigt wurde, für Langfilme fehlte das Geld.

Aus der Not heraus fanden sich 1971 dreizehn Filmmacher zusammen, um ihre finanziellen Mittel zu bündeln. Sie gründeten den Filmverlag der Autoren. Initiator war Thomas Schamoni, der von dem Autorenaufstand im Suhrkamp Verlag hörte. Mit dem Vorbild des Verlags der Autoren wurde der Filmverlag der Autoren eine unabhängige, selbstorganisierte Produktionsfirma gegründet. Der Verlag der Autoren erregte mit seiner solidarischen Organisationsstruktur großes Aufsehen, wovon auch der Filmverlag profitierte.

Zum ersten Mal wurde nach dem Zweiten Weltkrieg das deutsche Kino wieder international wahrgenommen. Das aktuelle Leben, die Sprache und die Befindlichkeiten der Deutschen waren Thema des „Neuen Deutschen Films“ und weckten Interesse in Frankreich und den USA. Die Filme von Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders, Werner Herzog, u.a. gewannen Preise auf internationalen Festivals und führten zu stehenden Ovationen nach den Vorführungen. Doch trotz des guten Images, das der Neue Deutsche Film in kurzer Zeit aufbauen konnte, schrieb der Filmverlag kontinuierlich rote Zahlen, was letztendlich einer der Gründe für das Ende des Filmverlags war.

In seinem Film zeigt Wessely im Gegenschuss die andere Seite des Neuen Deutschen Films, er zeigt diejenigen, die hinter den Filmen stehen. Im Film „Gegenschuss“ interviewt Wessely gleichzeitig verschiedene Regisseure des Neuen Deutschen Films und ehemalige Mitglieder des Filmverlags der Autoren. Dabei zeigen sich Unterschiede in der aus dem Gedächtnis konstruierten Verlagsgeschichte. Gegensätzliche Positionen und Streitigkeiten unter den Mitgliedern werden deutlich. Aus unterschiedlichen Perspektiven entwickelt Wessely ein interessantes Charakter-Portrait der verschieden Filmemacher und nimmt das Publikum in die Kneipen und Kaffees von München-Schwabing mit, in denen sich die Filmszene in den 60er Jahren traf.

Die Zeitreise wird durch Originalaufnahmen von damals untermalt. So beginnt der Dokumentarfilm mit einem TV-Interview, in dem Fassbinder wortkarg und provokant seine Haltung gegenüber dem Fernsehen und der konservativen Presse deutlich macht. Bejubelt wie auch unverstanden zeigen Aufnahmen von der Berline 1969 Fassbinder mit seinem Film „Liebe ist kälter als der Tod“.

Außer dem Film „Gegenschuss. Aufbruch der Filmemacher“ befindet sich eine Aufnahme der Podiumsdiskussion anlässlich des 35. Geburtstages des Filmverlags auf auf der DVD. Ehemalige Mitglieder des Filmverlags der Autoren diskutieren über die Gründung und den Zusammenbruch des Verlags. Zudem stellt die DVD eine Sammlung der Kataloge des Filmverlags sowie das Presseheft zum Film zur Verfügung.

Der Film „Gegenschuss“ ist ein wunderbares Portrait der wichtigsten Vertreter des „Neuen Deutschen Films“. Er zeigt Menschen, die trotz aller Streitereien und Entbehrungen kompromisslos ihr Ziel, Filme zu machen, verfolgten. „Gegenschuss“ ist so nicht nur ein Dokument einer vergangenen Zeit, er ist auch ein Vorbild für Filmemacher heute, jedes Hindernis durch eine kompromisslose Liebe zum Film zu überwinden.

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