Rezensionen - Film


I'm still here

Eine ironische Selbstzerstörung

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© 2010 Flemmy Productions, LLC

gepostet am: 12.09.2011
gepostet von: Alexander Kiensch
Rubrik Film

Es ist so weit. Nachdem Schauspieler Joaquin Phoenix zwei Jahre lang Hollywood und den Rest der Welt mit seinem Imagewandel – inklusive peinlichen Fernsehauftritten und lächerlichen Rap-Konzerten – zum Narren gehalten hat, kommt die große Auflösung des Projekts: „I'm still here“ ist ein zutiefst ironischer Film über die Selbstverliebtheit des amerikanischen Showbusiness und die tief eingeprägten Allüren der Stars.

Bevor man sich den Film ansieht, sollte man jedoch wissen, dass es sich tatsächlich nur um eine Pseudo-Dokumentation handelt – das konzentrierte Schweigen einiger Kinobesucher lässt darauf schließen, dass diese Information noch nicht überall durchgedrungen ist. Denn wenn man sich ernsthaft auf dieses Werk als authentische Dokumentation einer gescheiterten Neuinterpretation des eigenen Ichs einlassen will, wird man dem Film wohl kaum irgendeinen Sinn abgewinnen können. Dann sähe man einfach nur jemandem, der einmal ein geachteter Mann war, dabei zu, wie er sein Ansehen und seine Karriere systematisch kaputt macht.

Tatsächlich geht es hierbei aber nicht nur um das, was Joaquin Phoenix zwei Jahre lang der medialen Öffentlichkeit vorgetäuscht hat. Inwieweit hier überhaupt der „wahre“ Phoenix zu sehen ist, ist schwer zu sagen, muss man sich ja stets vor Augen halten, dass alles für die Kamera inszeniert wurde. Allerdings lassen die Themen, die er anspricht, schon eine gewisse persönliche Nähe vermuten: Da geht es um geplatzte Träume, die Kulturindustrie, die aus Kunst Kommerz macht, und die Schwierigkeiten eines Künstlers, der mit unorthodoxen Mitteln einen Weg zum Erfolg sucht.

Anfangs wirkt der Film noch ein wenig gemächlich und man bekommt den Eindruck, es ginge tatsächlich nur darum, Phoenix auf dem Weg zu seiner neuen Karriere zu begleiten. Insbesondere die einleitende Szene ist dabei ein wenig belanglos geraten, sodass der erste Eindruck noch eher zwiespältig bleibt. Doch schon bald entfaltet sich die gesamte ironische Kraft der Story. Schon die beiläufige Art, auf die Phoenix einem Reporter das Aus seiner Schauspielkarriere verkündet, stellt einen Hinweis auf die weitere Art des Humors dar, der noch kommen wird, und legt schon hier erste Spuren zur Entlarvung des Mechanismus der Massenmedien, die Phoenix mit seinem Verhalten immer wieder unterwandert. Ein erstes Highlight hierbei ist sein Gespräch mit Ben Stiller, in dem er ihm vorwirft, sich selbst zu verkaufen und nur eine Rolle zu spielen, die von ihm erwartet wird. Es liegt nahe, Phoenix hier Arroganz vorzuwerfen, tatsächlich aber vertritt er im ganzen Film lediglich die Auffassung, jedem Menschen, mit dem er arbeitet, nichts als die Wahrheit zu sagen, egal, wie schmerzhaft oder unangenehm diese sein mag. Dass die meisten Gesprächspartner und Zuschauer darauf empört reagieren, zeigt nicht etwa eine Verfehlung Phoenix' auf, sondern viel mehr die Verbohrtheit, mit der die Betreffenden an ihr eigenes Weltbild glauben, und ihre Unfähigkeit, davon abzuweichen.

Darüber hinaus offenbart der Film besonders im starken Schlussteil, wenn die unterschiedlichen Reaktionen auf Phoenix' öffentliches Verhalten gezeigt werden – sein peinlicher Auftritt bei David Letterman zum Beispiel – die unterschwellige Arroganz und Gleichschaltungsmentalität der Medienlandschaft. Da wird sich dutzendfach über so oberflächliche Dinge wie sein verkommenes Aussehen lustig gemacht, er wird regelrecht als Ausgestoßener behandelt und angefeindet – aber über seine (zugegebenermaßen lächerliche) Musik, seine scheinbar ernsthaften Versuche, seiner wahren künstlerischen Natur nachzugehen, verliert niemand ein Wort.

Wobei allein die erwähnte Musik schon ein Indiz sein müsste für die Fragwürdigkeit der ganzen Sache. Könnte man jemanden wirklich ernst nehmen, der schlecht gereimte Texte über sein Leben mit belangloser Rap-Musik unterlegt und als seine neue Kunst verkaufen möchte? Das bleibt fraglich, allerdins geht es hier ja auch nicht um die Qualität der Musik. Die Geschichte um Phoenix' neues Leben ist Fake, die gezeigten Reaktionen in der Medienwelt sind echt – und sie entblößen teilweise ekelhafte Einstellungen anerkannter Künstler. So wandelt „I'm still here“ auf den Spuren der Filme von Sacha Baron Cohen, freilich auf weitaus höherem Niveau (abgesehen von der Kot-Attacke im Hotelbett) und auf ungleich diffizilere Art und Weise. Ein Film, der hinterfragt, aufdeckt und zum Nachdenken anregt, aber vor allem durch genial-skurrilen Humor prächtig unterhält – zumindest wenn man sich bewusst macht, dass der gezeigte Irrsinn komplett inszeniert ist.

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