Rezensionen - Film
Onkel Boonmee erinnert sich an seine...
Reise in die Tiefen der Seele
Von der ersten Sekunde an verströmt das Seelen-Drama eine Aura mystischer Tiefgründigkeit und hält sich dabei eng an ein Kunstverständnis des Mediums Film, das mit modernen europäischen oder amerikanischen Vorstellungen so gut wie gar nichts zu tun hat. So braucht der geneigte deutsche Zuschauer vor allem eines: viel Sitzfleisch. Denn Weerasethakul betreibt seine filmische Seelenwanderung mit einer extremen Ausdauer – in grenzenlos verlangsamten Bildern fühlt er sich immer tiefer in die Geheimnisse des Dschungels und seiner geisterhaften Bewohner ein, und ermöglicht dabei dem Zuschauer, diese geistige Reise in ihrer ganzen Intensität nachzuvollziehen.
Natürlich setzt diese Art von Film ein gewisses Einfühlungsvermögen und vor allem Geduld voraus. Die Eingangssequenz, in der minutenlang ein Ochse gezeigt wird, der sich schließlich von seinem Seil losreißt und in den Urwald trabt, dürfte bei vielen ein erstes Warnsignal aufleuchten lassen. Doch so ungewohnt oder zumindest unbequem die immer stärker auf die Spitze getriebene Langsamkeit des Films anfangs wirkt, so sehr vermag sie im Lauf der Zeit in ihren Bann zu ziehen. Schritt für Schritt wird dem Zuschauer die Gelegenheit geboten, sich an das Tempo des Films und auch des Lebens in der ländlich-tropischen Gegend Thailands anzupassen. So gibt es zu Beginn noch eine ganze Reihe von Dialogen, die zwar bereits in einem vergleichsweise verlangsamten Tempo angeschlagen sind, allerdings immer noch eine gewisse Hektik erzeugen. Wenn jedoch auf Onkel Boonmees Reise in den Tod der Dschungel immer größere Bedeutung erlangt, versiegen nach und nach diese Dialoge zu reinen Sprachfetzen, die inmitten des üppigen Urwalds eher fehl am Platze wirken.
Doch nicht nur, was das Erzähltempo anbelangt, distanziert sich „Onkel Boonmee“ von den Konventionen der meisten modernen Filme. Auch eine nachvollziehbare und zusammenhängende Story steht hier ganz klar im Hintergrund. Weerasethakul geht es vor allem um eines: Das Kunstmedium Film dazu zu verwenden, die Faszination der Natur einzufangen. Und das gelingt ihm wie kaum einem anderen Filmemacher unserer Tage. Schon die Farb- und Lichtdramaturgie sucht ihresgleichen – fast ausnahmslos herrscht im Dschungel ein hypnotisches graues Dämmerlicht, in dem sich das dichte Pflanzenwachstum und die dunklen Gestalten der Affen-Geister mit ihren rot strahlenden Augen zu einer traumartigen Bildcollage manifestieren. Untermalt werden diese einzigartigen Aufnahmen von einer der faszinierendsten Tonspuren der jüngeren Kinogeschichte: Dumpfes, nicht identifizierbares Grollen, leise und subtil eingesetzte Musik und das beständige Zirpen und Rauschen der Urwald-Fauna lassen durchaus den Wunsch aufkommen, die Augen zu schließen und sich in diese Klangwelten hineinsinken zu lassen. Gerne käme man diesem Drang nach, verpasste man dadurch nicht die wundervollen Bildkompositionen – besondere Höhepunkte dabei bilden die Unterwassersequenz und der finale Abstieg in die Höhlen.
Manches dürfte dem deutschen Zuschauer rätselhaft bleiben, einerseits weil thailändische Legenden und Sagen hierzulande eher nicht im Kanon der Schulbildung zu finden sind, andererseits, weil die etwas unpassende Politisierung der Bildsymbolik am Ende auf eher unbekannte historische Ereignisse anspielt. Doch um diesen Film gewordenen Traum genießen zu können, muss man nicht unbedingt verstehen, was auf der Leinwand geschieht. Die Intensität der Bilder entwickelt mit der Zeit einen geradezu meditativen Sog. Die Schönheit der Natur, die hier mit beinahe allen Sinnen zelebriert wird, reicht voll und ganz aus, um über 90 Minuten hinweg eine Welt fernab von Straßenbahnen, Staus und Terminen entstehen zu lassen, in die man sich, so man es denn wagt, hineinfallen lassen kann. Angesichts dieser unglaublich eindrücklichen Naturkunst wirkt die warme, trockene Luft des Kinosaals wie ein unpassender Kontrast. „Onkel Boonmee“ wäre wohl der perfekte Film für einen sommerlichen Abend im Freiluftkino.
Dieser stille Bilderrausch erzeugt eine ganz eigene Philosophie, ohne es darauf anzulegen. Die Beschränkung auf die sinnliche Erfahrung geistiger Prozesse bietet einen faszinierenden Blick auf einige der ältesten Fragen der Menschheit – Fragen nach dem Zusammenhang des Lebens und des Todes und des Danach. Wer also auf der Suche nach Filmkultur fernab üblicher Hollywoodstandards und deutschen Kunstverständnisses ist, wer Ausdauer und die Bereitschaft, sich in der Schwerelosigkeit des Bildflusses zu verlieren, mitbringt, der dürfte in „Onkel Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben“ eine kleine, unendlich wertvolle Perle entdecken.