Rezensionen - Film


Veronika beschließt zu sterben

Nicht ganz geglückte Coelho-Verfilmung

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© Capelight Pictures 2009

gepostet am: 14.10.2010
gepostet von: Alexander Kiensch
Rubrik Film

Der Bestseller des brasilianischen Erfolgsautors wurde mit dem ehemaligen „Buffy“-Star Sarah Michelle Gellar für das Kino adaptiert. Regisseurin Emily Young war darum bemüht, der Geschichte eigene Akzente zu verleihen – ein ehrbares Unterfangen, das jedoch nicht restlos überzeugt.

Veronika, die junge, gut aussehende und erfolgreiche Tochter serbischer Einwanderer, versucht sich mit einer Überdosis Tabletten das Leben zu nehmen. Doch es misslingt: Sie wacht in einer Nervenklinik auf, in der sie nun streng überwacht wird. Und die Ärzte haben ihr eine schlechte Neuigkeit mitzuteilen: Ihr Herz wurde irreparabel geschädigt. Erst jetzt, als ihr nur noch wenige Tage bleiben, begreift Veronika die Schönheit des Lebens.

Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Paulo Coelho ist ein sehr sensibel inszeniertes Seelendrama über die Frage, ob es erlaubt sein kann, sterben zu wollen. Sarah Michelle Gellar, die fernab jeglicher Starallüren den Mut hat, auf überflüssiges Make-up zu verzichten, überzeugt – und überrascht sicherlich den einen oder anderen – mit ihrer gefühlvollen Darstellung einer psychisch gebrochenen Frau. Und die Kamera macht es ihr nicht leicht: Immer wieder ist ihr Gesicht leinwandfüllend in Nahaufnahme zu sehen, was nicht immer nötig gewesen wäre, auf jeden Fall aber die Emotionalität der Geschichte deutlich intensiviert. Waren Gellars Filmrollen der letzten Jahre genrebedingt selten dazu geeignet, sie zur Charakterdarstellerin reifen zu lassen, könnte dieser Film ein wichtiger Schritt in diese Richtung gewesen sein.

Doch so tief sie sich in ihre Figur auch hineinfühlt – dem Zuschauer gelingt es einfach nicht, diese Tiefe nachzuvollziehen. Ihre eigentlichen Selbstmordmotive bleiben im Dunkel und die an manchen Stellen ins Kitschige wegrutschende Inszenierung erzeugt leider eine oftmals seltsam distanzierte Atmosphäre.

Hier liegt dann auch das Hauptproblem des Films: Natürlich ist es kein Verbrechen, einer Romanverfilmung eigene Akzente zu verpassen; doch in diesem Fall dürfte diese Verschiebung zumindest Kennern der Vorlage mitunter schwer auf den Magen schlagen. Eine oberflächliche Figurencharakterisierung und die Schwerpunktversetzung einzelner Themenfelder erzeugen ein Gesamtbild, das einfach nicht stimmig ist: Da wird die wundervolle Anekdote vom König und dem vergifteten Brunnen zu einer flüchtig angerissenen Bemerkung; da stellt sich die Frage nach Sinn und Unsinn moderner Vorstellungen davon, was „normal“ und was „unnormal“ sei, nur in ein oder zwei kurzen Szenen. Während der Roman auf geniale Weise gesellschaftlich normierte Rituale hinterfragt, bleibt beim Film der Fokus auf die Aufgabe gerichtet, eine selbstmordgefährdete Frau von der Schönheit des Lebens zu überzeugen. Das führt zu einigen tief ergreifenden Szenen ebenso wie zu einer Hand voll geradezu lächerlichen.

Ärgerlich ist auch, dass viele der Dialoge Hollywood-typisch unrealistisch wirken („Wir haben Ihnen eine schlechte Mitteilung zu machen.“ – „Würde mir bitte jemand erklären, was hier los ist?“) und man sich offensichtlich das Klischee nicht ersparen konnte, dass der Psychiater selbst auf die unwahrscheinlichsten Ausbrüche seiner Patientin erwidert: „Erzählen Sie mir davon.“

Im Grunde ist das größte Hindernis des Films seine Vorlage. Die Intelligenz, mit der Paulo Coelho menschliche Denkschemata auf ihre Grundlagen hin untersucht, wird kaum jemals erreicht. Auch die Hinterfragung gängiger Vorstellungen von Moral und Lebenssinn bleibt nur angedeutet. Stattdessen konzentriert sich der Film auf Veronikas Rückgewinnung ihres Lebenswillens und die zarte, aber vorhersehbare Romanze mit einem ihrer Mitinsassen. Damit wird der eigentliche thematische Kern weichgespült.

Keinesfalls ist „Veronika beschließt zu sterben“ ein schlechter Film. Die Inszenierung fällt außerordentlich sensibel aus, Kameraarbeit und Bildsprache sind durchweg auf hohem Niveau (besonders das nächtliche Klavierspiel dürfte hier faszinieren) und wer den Roman nicht kennt, wird wohl von der tief poetischen Schlusspointe ebenso überrascht wie berührt werden. Kenner der Vorlage jedoch werden kaum etwas an dieser allzu amerikanisierten Verfilmung eines der philosophisch faszinierendsten Romane der letzten Jahre finden können.

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