Rezensionen - Film
Wir sind, was wir sind
Familiendrama unter Kannibalen
Es geht um eine Familie, die am Rande eines mexikanischen Molochs wohnt und sich mit der Reparatur von Armbanduhren über Wasser hält. Als der Vater eines Tages überraschend stirbt, sehen sich die drei Kinder und seine Ehefrau dem Verhungern gegenüber – denn der Vater hatte sie regelmäßig mit menschlichem Frischfleisch versorgt. Wohl oder übel müssen die beiden Söhne, angetrieben von ihrer herrschsüchtigen Schwester und gegen den Willen der in alten Traditionen verfahrenen Mutter, diese Aufgabe übernehmen – mit üblen Konsequenzen.
Das Thema Kannibalismus hat eine lange Tradition in der Filmgeschichte. Anders als jedoch die meisten einschlägigen Genrefilme, die besonders im Italien der 70er-Jahre einen Höhepunkt hatten und schon durch Titel wie „Zombies unter Kannibalen“ oder „Nackt und zerfleischt“ ihren rein voyeuristischen Charakter zur Schau stellten, fokussiert sich „Wir sind, was wir sind“ nicht auf die blutigen Details des Menschenfressens, sondern bleibt zu jedem Zeitpunkt in der sozialen Wirklichkeit einer Familie verankert, die am Rande des Existenzminimums dahin vegetiert und zu allem bereit ist, um irgendwie zu überleben.
Dabei gelingt es dem Werk nicht nur, das komplizierte Beziehungsnetz zwischen den einzelnen Familienmitgliedern zu entschlüsseln und einen Wirkungsmechanismus aus gegenseitiger Abhängigkeit und daraus resultierender Frustration und Wut aufzuzeigen, sondern in spärlich gesetzten Szenen, die die Arbeit der Polizisten darstellen, die der Familie auf den Fersen sind, sein Themennetz auf die Stufe einer gesamtgesellschaftlichen Betrachtung zu erheben. Zwar bleibt der Hauptakzent stets auf den persönlichen Sorgen und Zwistigkeiten der konkurrierenden und doch aufeinander angewiesenen Familie, doch wenn der Pathologe die Leiche des Vaters untersucht und einen menschlichen Finger in seinem Magen findet, und dann nur den lakonischen Kommentar gibt: „So was seh’ ich ständig. Sie würden sich wundern, wie viele sich in dieser Stadt gegenseitig auffressen“, dann öffnet das Raum für einen Blick auf eine Gesellschaft am Abgrund.
So ist es also letztlich die von Gewalt und Korruption zersetzte mexikanische Gesellschaft, die der Film angreift. Das geschieht in ebenso eindrücklichen wie symbolträchtigen Bildern: Wenn die beiden Söhne auf der Suche nach Nahrung eine Horde obdachloser Kinder überfallen oder sich über einer gefesselten Prostituierten gegenseitig an die Kehle gehen, dann entsteht nicht von ungefähr eine Analogie zu den Bildern von Raubtieren, die, einzig ihren Instinkten folgend, auf der Jagd sind und sich um ihre Beute streiten. In einer von Verbrechen und Gier geformten Welt ist kein Platz mehr für Moral- und Wertvorstellungen, hier geht es nur noch ums nackte Überleben und Menschen werden Stück für Stück zu gnadenlosen Bestien. Und mehr noch: Die Polizisten, die aus reinem Karrierebewusstsein den Fall untersuchen, und sich am Ende gegenseitig über den Haufen schießen, stellen die Dysfunktionalität der zutiefst korrumpierten und bürokratisierten mexikanischen Gesellschaft dar.
Obwohl der Film rein formal also eine durchaus beachtenswerte Symbolkraft erlangt, bleibt seine Aussage bei kritischer Betrachtung jedoch etwas substanzlos. Im Kern will er uns vermitteln, dass in einer unmenschlichen Staatsform auf lange Sicht keine Menschlichkeit bestehen kann. Diese Aussage ist weder neu noch überraschend. Eine erhellende Erkenntnis wird man hier vergeblich erwarten. In diesem Zusammenhang ist es zudem mehr als ärgerlich, dass er trotz aller stilsicheren Zurückhaltung am Ende doch noch voyeuristische Züge annimmt: Wenn die Kamera bei der Zerstückelung eines Opfers extra in Großaufnahme auf die Leiche schwenkt, entbehrt das jeglicher künstlerischer Notwendigkeit. Dies ist wohl nichts anderes als ein Tribut an das blutdürstige Horror-Publikum, das sich womöglich in Erwartung eines Gemetzels in den Film verirrt hat.
Darüber hinaus irritiert die moralische Situierung des Films ein wenig. Natürlich müssen die Hauptfiguren als Sympathieträger fungieren, will man einen kritischen Kommentar zu einer Gesellschaft, die ihre Mitglieder im wahrsten Sinne auffrisst, abgeben. Doch die besonders im Finale deutlich werdende rückhaltlose Sympathie mit einer Familie, die reihenweise Menschen ermordet und verspeist hat, wirkt denn doch etwas undifferenziert. Ein wenig mehr moralische Ambiguität hätte den Film definitiv auf ein deutlich höheres Niveau heben können.
Dennoch bleibt „Wir sind, was wir sind“ im Großen und Ganzen ein sehenswerter Film. Zwar nicht perfekt und in der inhaltlichen Symbolik unbedingt noch ausbaubar, gibt er doch einen schön sarkastischen Kommentar zum Horror moderner Gesellschaftsformen. Quasi ein Blutbad zum Mitdenken.